Zum Nachdenken: Advent
Seit vielen Jahren gehört das Adventslied „Oh Heiland reiß den Himmel auf“ (GL 231) zu denen, die mich am meisten ansprechen und berühren. Es stammt von Friedrich Spee, einem Jesuiten, der es 1622 geschrieben hat.
Das Lied passt mit seinem Text so gar nicht in die wohlige Idylle von Weihnachtsmärkten mit Glühwein und Lebkuchen.
Friedrich Spee lebt in einer dunklen Zeit, in der die Menschen unter der Pest leiden, der viele zum Opfer fallen; zudem wütet der dreißigjährige Krieg und es ist die Zeit der Hexenverfolgung.


In der ersten Strophe des Liedes heißt es: „Reiß ab vom Himmel Tor und Tür/Reiß ab, wo Schloß und Riegel für.“
Die Türen, die den Himmel verschließen, soll der Heiland selbst gewaltsam öffnen. Wer verschließt uns die Türen zum Himmel, können wir uns fragen. Ist es die Not selbst, das Elend dieser Welt, das manchen Menschen den Glauben geraubt hat, es könne sich noch etwas zum Besseren wenden? Oder ist es die Kakophonie menschlicher Bosheiten, die abgestumpfte Gleichgültigkeit, Gedankenlosigkeit und Lieblosigkeit in unserem Denken und Handeln, das die Türen zum Himmel verschließt? Oder ist es die menschliche Unfähigkeit in Frieden miteinander zu leben und immer wieder in kriegerische Auseinandersetzungen zu geraten, obwohl alle doch wissen (oder zumindest längst wissen müssten), dass nur Leid, Tod und Zerstörung die Folgen sind.
Adventliche Sehnsucht könnte man bezeichnen als das Leiden an dieser Verschlossenheit des Himmels und der Türen unserer Herzen; das Leiden an der Unfähigkeit, echt und tief zu lieben, im Konfliktfall aufeinander zuzugehen, entgegenzukommen, auch einmal nachzugeben und auf den Status des Gewinners und Stärkeren zu verzichten.


Im Lied von Friedrich Spee wird dieses Leiden an der Verschlossenheit des Himmels zu einem leidenschaftlichen Flehen, dass der Heiland, also der, der unsere Welt retten soll, doch endlich kommen und die Tür öffnen möge. Der, der uns heil machen soll, wird dringend gebraucht, vermisst und soll jetzt selbst die Initiative ergreifen, wenn wir es schon aus eigener Kraft nicht schaffen, die Tür aufzustoßen. Das Lied erinnert uns daran, dass wir immer wieder in Situationen geraten können, aus denen wir uns aus eigener Kraft nicht helfen können, angewiesen sind auf die Hilfe anderer und eines Anderen; dass wir in Sackgassen geraten, gegen die Wand laufen und doch unfähig bleiben, umzukehren und den Weg in die Freiheit zu finden.
„Wo bleibst du Trost der ganzen Welt…“, schreit die Sehnsucht in der vierten Strophe klagend zum Himmel.
- Wann geht die Tür auf und wann kommt Heil und Rettung in unsere Welt und in unsere Seele, damit die, die traurig und ohne wirkliche Perspektive auf dieser Welt herumirren, ein Licht für ihren Weg erkennen können?
- Wann geht die Tür auf, damit wir Menschen von dem verhängnisvollen Zwang befreit werden, immer neu einander weh zu tun und uns gegenseitig zu zerstören?
- Wann geht die Tür auf, damit die unruhig Getriebenen endlich Frieden in ihrer Seele finden?
- Wann geht die Tür auf, damit die vom Schicksal Gebeugten und an den Rand Gedrängten endlich Trost finden und ihnen Gerechtigkeit wiederfährt?
- Wann geht die Tür auf, damit die an Leib und Seele Verwundeten und Verletzen Heilung erleben?
- Wann geht die Tür auf, damit die Ungeliebten und zu kurz Gekommenen endlich sich als geliebt erleben und aufblühen können?
- Wann geht die Tür auf und der Heiland der Welt tritt herein?
