Zum Nachdenken: Weihnachten? Echt jetzt?

Das Ende des Oktoberfestes bedeutet in München den Beginn der Weihnachtszeit. Die einen freuen sich auf Lebkuchen, Kerzenschein und mehr Ruhe. Andere genießen Glühwein, Lichterketten und Christkindlmarkt.
Das eine wird besinnlich empfunden und als „echt“ bezeichnet, das andere als „unecht“, weil betriebsam, laut und hektisch. Lässt sich das beurteilen? Gibt es trotz der unterschiedlichen Formen etwas Verbindendes? Was macht Weihnachten im Grunde aus?
In unserem Kulturkreis gilt Weihnachten als bedeutendes Fest der Christenheit. Es wird gefeiert, dass Gott in der Person Jesu in die Welt gekommen ist, sich menschlichem Er-Leben ausgesetzt und mit vollem Einsatz für ein lebenswertes und friedvolles Miteinander engagiert hat.
Wie andere große Feste auch, beginnt Weihnachten bereits am Vorabend, dem Heiligen Abend. Viele begehen ihn traditionell im Familien- oder Freundeskreis mit Bescherung, feinem Essen und dem Besuch der Christmette. Inzwischen gilt der 24.12. als der herausragende Teil des Weihnachtsfestes.
Als Festtag im Sinne eines kirchlichen Feiertages gilt der 25.12., das Hochfest der Geburt des Herrn.
Tatsächlich war Weihnachten nie ein exklusives Fest der Christenheit. Bereits in vorchristlicher Zeit haben zahlreiche Kulturen rund um den 25.12. das Fest der Wintersonnwende zelebriert.
Auch das Motiv der göttlichen Zeugung eines Retters hat Vorbilder in früherer Zeit und anderen Kulturen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass ein Gottessohn bzw. der ersehnte Erlöser von einer jungen Frau geboren wird. Im Christentum wurde die junge Frau zur Jungfrau verklärt, um die Einzigartigkeit und Göttlichkeit des Kindes zu betonen.

So wie Teile der Weihnachtsgeschichte Anleihen aus vorchristlichen Epochen haben, wurden auch Bräuche übernommen und christlich umgedeutet. In diese Anleihen mischen sich außerdem Traditionen, die als uralt erscheinen, aber Entwicklungen neuerer Zeit sind.
In Deutschland wurde Weihnachten bis Ende des 18. Jahrhunderts in erster Linie in der Kirche und auf der Straße in Form von Umzugsbräuchen und Weihnachtsmärkten gefeiert. Etwa ab 1800 entwickelte sich Weihnachten zum Fest zur Pflege familiärer Beziehungen. Das Großbürgertum stärkte durch eine stilvolle Feier sein Standesbewusstsein, während der Mehrheit der Bevölkerung die finanziellen Mittel dafür, z. B. für einen Weihnachtsbaum, fehlten. Vor allem war dazu ein Wohnzimmer erforderlich, das verschlossen und herausgeputzt werden konnte, um es erst an Heiligabend, unter Lichterglanz, Weihnachtsduft und Musik feierlich wieder zu betreten.

Mit dem Biedermeier entwickelte sich der Heilige Abend zum Beschenkfest für Kinder. Ab dieser Zeit wurden externe, geheimnisvolle Gabenbringer in die familiäre Feier einbezogen: Christkind und Weihnachtsmann. Das Bild vom Christkind war von den Engelsgestalten der frühen Weihnachtsumzüge geprägt. Für den Namen hatte bereits Martin Luther den Grund gelegt. In Kritik zur Heiligenverehrung der katholischen Kirche plädierte er dafür, Bischof Nikolaus als Gabenbringer durch den „Heiligen Christ“ zu ersetzen. So kam, ausgehend von protestantischen Regionen, das Christkind in katholische Gebiete und Häuser.
Im 19. Jahrhundert gesellte sich der Weihnachtmann dazu. Er ist eine Kombination verschiedener männlicher Schenkfiguren.
Mit dem Deutsch-Französischen Krieg wurde Weihnachten politisch instrumentalisiert. Im Kriegswinter 1870 ließ die Heeresleitung in Lazaretten und Quartieren Weihnachtsbäume aufstellen.
In der NS-Zeit sollte eine Toten- und Lichtfeier in Anlehnung an das nordische Julfest Weihnachten ablösen. In Auseinandersetzung mit dieser Ideologie übernahm die römisch-katholische Kirche den Weihnachtsbaum in den Kirchenraum, was bis dahin nur in evangelischen Kirchen üblich gewesen war.
Weihnachten. Was ist jetzt echt?
In den Bräuchen und Traditionen aus vorchristlichen Kulturen über das Christentum bis hin zu unserer säkularen Gesellschaft findet sich eine Gemeinsamkeit: die Sehnsucht.
In der dunklen Jahreszeit zeigt sich die Sehnsucht nach Licht und Wärme in Sonnwendfeuern, Lichterglanz und Kerzenschein. Im übertragenen Sinn ist damit Hilfe in schweren Lebenszeiten gemeint.
Die Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit in frostigen Jahres- wie Lebenszeiten findet Ausdruck in der Rückbesinnung auf soziale Nähe und wohltuende Beziehungen in Familie und Freundeskreis.
Die Sehnsucht nach Frieden im Kleinen wie im Großen spiegelt sich in der Erwartung eines mächtigen, göttlichen Retters, der menschliches Unvermögen und Versagen zum Guten wendet.

Seit Urzeiten erfahren die Menschen, dass nach dem kalten, dunklen Winter der lichte Frühling mit neuem Leben kommt. Diese Erfahrung gilt auch im übertragenen Sinn. Zum Beispiel die beruhigende Diagnose in schwerer Krankheit, das klärende Wort im Streit oder die Zusage für die bezahlbare größere Wohnung.
Solche Erlebnisse sind Lichtblicke in schwierigen Zeiten. Sie schenken Zuversicht, stärken die Hoffnung auf Zukunft und wecken neue Lebendigkeit.

Wenn Hoffnung in die Sehnsucht kommt, dann geschieht Weihnachten – unabhängig von Jahreszeit oder religiöser Prägung; meistens ohne Lebkuchen, Glühweinduft und Lichterglanz – aber im eigenen Leben.
Welche Sehnsucht bewegt Sie?
Was stärkt Ihre Hoffnung?
Erinnern Sie sich an ein „Weihnachtsereignis“ in ihrem Leben?