Zum Nachdenken: „Auferstehung – ein Impuls zu Ostern“

„Das Christentum ist vor allem eine Religion für Menschen, die einen tiefen Riss erlebt haben“ (Thomas Merton)

„Heute würde ich sagen, es ist wie die Auferstehung von den Toten gewesen“, sagte mir jemand im Gespräch. Nur, dass es körperlich keine Auferstehung mehr sein konnte, weil die betroffene Person dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesen war. Viele Monate im Koma auf der Intensivstation und zahlreiche Reha-Aufenthalte lagen hinter ihm. Zeiten der Dunkelheit und Verzweiflung und der Gedanke, ganz aufgeben zu wollen, lagen nicht fern. Doch er hat es geschafft und weiß, dass es mehr war als sein eigener Überlebenswille, der allein nie ausgereicht hätte, um wieder nach oben und ans „Licht“ zu kommen. Woher kam die Kraft, nicht aufzugeben? Woher die Fähigkeit, die Situation, wie sie ist, zu akzeptieren? Woher kam das Licht der Hoffnung, das einen Weg gewiesen hat in diesem Dunkel des Verlustes? Diese Fragen reichen in das Geheimnis des Lebens überhaupt.

Glaubende Menschen bringen diese Erfahrung des „Durchkommens“ durch Leid und Ausweglosigkeit mit Gott in Verbindung, mit seiner Liebeskraft, die uns am Leben halten will und die gerade dort auftauchen kann, wo unser Ego und unser eigener Wille am Ende ist. Sicher waren es auch die nahen Menschen, die mit ihrer Liebe beigestanden sind und Mittler dieser heilenden göttlichen Liebeskraft waren. Andere merken nur, dass sich etwas in ihrem Leben grundlegend verwandelt hat, interpretieren das aber nicht mit einer religiösen Sprache. „There is a crack in everything, that`s how the light gets in” (“Es ist ein Riss in allen Dingen, aber genau so kommt das Licht hinein”) – so drückt der Songpoet Leonard Cohen in seinem Lied “Anthem” dieselbe Erfahrung etwas anders aus.

Christen finden in den Rissen des Lebens, in ihrem Leid eine Verbindung zum Leben Jesu, zu seinem Leben mit Sterben und Tod, aber auch zu seiner Auferstehung, das ihnen als Modell für das eigene Leben dient.

Leid, Schmerz oder Gefühle der Ausweglosigkeit haben dadurch nicht das letzte Wort und die glaubende Gewissheit, dass sich eine Tür öffnen wird, auch wenn sie womöglich im Moment noch nicht sichtbar ist, bestärkt die Kraft der Hoffnung und des Durchhaltenkönnens. Leid, Schmerz oder Gefühle der Ausweglosigkeit haben dadurch nicht das letzte Wort und die glaubende Gewissheit, dass sich eine Tür öffnen wird, auch wenn sie womöglich im Moment noch nicht sichtbar ist, bestärkt die Kraft der Hoffnung und des Durchhaltenkönnens.

Psychologen sprechen von Resilienz, einer seelischen Widerstandskraft, durch welche Menschen auch äußerst schwierige Lebenssituationen bewältigen und bestehen können. Dass auch der Glaube resiliente Wirkung hat, wird womöglich zu wenig beachtet. Gerade die christlichen Grundtugenden wie Glaube (verstanden als Vertrauen in einen Gott, der versprochen hat, dass er in unserer Not da sein wird), Hoffnung (die kein blinder Optimismus ist) und Liebe (die weder unterwürfig noch besitzergreifend ist) können Kraftquellen sein, welche die Resilienz stärken, indem sie auftauchende Ängste relativieren, Zuversicht wecken und das Engagement für den Nächsten fördern. (vgl. dazu ausführlicher, M. Vogt, Wandel als Chance oder Katastrophe, München 2018)

Manche, wenngleich nicht alle, interpretieren ihre Lebenswende nach einer durchgestandenen Lebenskrise als göttliche Fügung, die sie zu einem tieferen und intensiveren Leben führen wollte und geführt hat. Was vorher wichtig war, hat jetzt nicht mehr so viel oder gar keine Bedeutung mehr. Nachdem sie durch ein leidvolles Erlebnis durchgegangen sind, haben sie ein „sehendes Herz“ geschenkt bekommen. Jenes zeichnet sich aus durch ein „Mehr“ (lat. magis, vgl. Ignatius von Loyola) an Empathie, Mitgefühl, Offenheit und Solidarität mit anderen Leidenden. Ein neuer, innerer Wertekodex macht sie freier von gesellschaftlichen Vorgaben wie Leistung und Gesundheit, welche vorrangig das Leben glücklich machen sollen und vom Ego, das beachtet werden will und vor anderen zu glänzen versucht.

Wenn an Ostern die Auferstehung Jesu von den Toten gefeiert wird, können besonders jene Menschen, die etwas Schweres durchgemacht haben und „durchgekommen“ sind, sich an die schöpferische Kraft erinnern, die sie zu neuem Leben geführt, beflügelt und aufgeweckt hat. Und so auch ihr persönliches Auferstehungsfest feiern.

Gustav Schädlich-Buter