Zum Nachdenken: Die Freudenspur entdecken

Wenn wir die Nachrichten anschauen oder hören, haben wir den Eindruck, dass die ganze Welt nur noch aus unzähligen Krisen besteht: Coronakrise, Klimakrise, Ukrainekrise, Energiekrise, Hungerkrise, Kirchenkrise… .Und immer mehr Menschen scheinen diesen Krisenmodus für ihr persönliches Leben und ihre Gefühle ungefiltert zu übernehmen. „Darf ich mich überhaupt noch freuen?“ „Gibt es überhaupt noch einen Grund zur Freude?“, fragen manche und erstarren dabei in ihrer Lebendigkeit. Vor lauter Sorgen und negativen Gedanken können sie das Leben nicht mehr genießen und sich nicht mehr daran freuen.

Schon die Philosophen der Stoa sahen aber die Freude als eine gute Leidenschaft (eupathia), die unsere Energie beflügelt, aufbauend und heilend wirkt und für Aristoteles entsteht Freude dort, wo ich meine Fähigkeiten mithilfe der Vernunft ungehindert entfalte. (vgl. Anselm Grün, Die eigene Freude wiederfinden, S.16 f., Zürich 1998, dem ich wesentliche Anregungen für diesen Text verdanke).

Sicher, Freude lässt sich nicht machen oder befehlen und sie lässt sich nicht direkt anzielen; sie entsteht auch nicht dadurch, dass wir die Wunden und Verletzungen unseres Lebens überspringen oder verdrängen. Aber Freude entsteht dort, wo wir der Spur unserer Lebendigkeit folgen, wo wir leidenschaftlich leben, uns für andere einsetzen und ein Bewusstsein entwickeln für die vielen Glücks- und Freudenmomente, die uns das Leben anbietet: das Grün der Wiesen, der Duft des Heues, der Vogelgesang, ein gutes Gespräch, ein schönes Fest, ein leckeres Essen…. „Lust auf Leben, heute spür ich dich, heut lass ich mich ganz in deine ausgestreckten Arme fallen…. Das Jetzt ist der Raum, der dein Leben erfüllt“, beginnt ein Lied von Kathi Stimmer-Salzeder. Hier ist von einer Freude die Rede, die uns überkommt, wenn wir uns auf den Augenblick einlassen.

Die Psychologin Verena Kast versteht die Freude als eine gehobene Emotion, die uns in Bewegung setzt, in die Weite führt, und zur Aktivität anregt; sie das Gegenteil von Angst, die uns in die Enge treibt. Kast empfiehlt uns eine Freudenbiografie zu schreiben, bei der wir uns der Freudenmomente in unserer Lebensgeschichte erinnern, aber auch der Momente, wo wir sie blockiert und abgewehrt haben. (vgl. dazu: Verena Kast, Freude, Inspiration, Hoffnung, München 1997)

Freude entsteht dort, wo ich mich ganz lebendig fühle und meine Fähigkeiten und Talente verwirklichen kann. Für Anselm Grün ist die Entfaltung der Lebendigkeit und Kreativität eine wichtige Spur für die eigene Spiritualität. Dabei geht es auch darum, mit dem inneren, göttlichen Kind in Berührung zu kommen, das noch ganz selbstvergessen spielen konnte und sich nicht von Leistungs- und Anerkennungsbedürfnissen einengen ließ. Die Freudenspur des Menschen kann so zu einer Spur für seine ureigenste Spiritualität werden, gerade dann, wenn die bisherigen religiösen Formen, Rituale und Gebete nichtssagend geworden sind. Grün ist sich sicher, dass die Freudenspur untrüglich zu Gott führt. (vgl. Anselm Grün, a.a.O., 25-45.)

Carlos Castaneda gibt die Anregung: „Frage nicht, was die Welt braucht. Frage vielmehr, was dich lebendig macht. Dann geh hin und tu es. Denn die Welt braucht Menschen, die lebendig sind.“ (gefunden Münsterschwarzacher Bildkalender 2022, Juni/Juli) Und Irenäus von Lyon, ein Kirchenlehrer (um 200 n. Chr.), sagte: „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch“. Menschen, die sich an ihrem Leben freuen, sind ansteckend.

Doch wie sollen wir uns freuen angesichts von Leid und Unglück, die unsere Vorstellungen vom Leben durchkreuzen können? Einfache Antworten sind hier nicht angebracht. Es geht wohl kein Weg daran vorbei, unsere Trauer, unseren Schmerz und unser Leid angesichts von Verlusten und Niederlagen wahrzunehmen, auszuhalten und zu hoffen, dass unsere Klagen sich einmal in Freude verwandeln werden, wie es viele Psalmen der Bibel (vgl. z. B. Ps 30,12) zum Ausdruck gebracht haben. Manchen hilft der Vergleich, dass alle tiefen, auch schmerzhaften Wandlungsprozesse einem Geburtsprozess ähnlich sind, bei dem der Kummer der Frau sich in Freude verwandelt, sobald das Kind geboren ist. (vgl. Joh. 16,20-22). So kann auch der Sterbeprozess als ein Durchgang zur Herrlichkeit Gottes verstanden werden, was dem Leid und dem Tod seine Sinnlosigkeit nimmt. Jedenfalls sind Trauer und Freude zwei Pole der einen Wirklichkeit, die uns herausfordern, einerseits die Trauer nicht zu überspringen, uns aber auch erinnern, den anderen Pol des Lebens, nämlich die Freude, nicht zu vergessen. Erlebte Freude braucht unsere Achtsamkeit, damit sie nicht von den Grübeleien und Alltagssorgen des Lebens erstickt wird.

Erstaunlicherweise hatten Menschen in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, wo Verwüstung, Hungersnot und Pest die Menschen bedrängten und die Lebenserwartung kaum über 30 Jahre war, kein Problem, Lieder über die Freude und des Dankes an Gott zu dichten wie „Nun danket alle Gott“ (Der ewig reiche Gott/Woll uns bei unsrem Leben/Ein immer fröhlich Herz/Und edlen Frieden geben, 2. Strophe, Martin Rinkart ,1636), womöglich dabei ahnend, dass die Freude wie ein Heilmittel wirkt in Zeiten der Dunkelheit und Bedrängnis. Im Loben und Singen komme ich mit der Freude in Berührung. Das erinnert mich auch daran, dass am Beginn des Ukrainekrieges ein Orchester mehrmals die Ode an die Freude von Ludwig van Beethoven auf dem Maidan in Kiew gespielt hat.

Und es ist auch nicht verwerflich, in einer Zeit vieler Krisen Paul Gerhardts Lied anzustimmen, das dieser leidgeprüfte Mann im 17. Jahrhundert geschrieben hat: „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottesgaben;…“ (EG 503), auch um der bedrückten Seele ein Gegengewicht anzubieten.

Gustav Schädlich-Buter