Zum Nachdenken: Entdeckt-werden

Viele junge Menschen träumen davon, entdeckt zu werden und als Fußballer, Musiker, Künstler oder Schauspieler groß rauszukommen. Nicht wenige gehen sogar große Risiken dafür ein, lassen sich bei waghalsigen Sprüngen von Klippen oder bei Stunts mit Fahrrad oder Motorrad filmen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, indem sie das Gefilmte in den sozialen Medien teilen. Mit der Sehnsucht, ein Star zu werden, wird auch ein Geschäft gemacht und junge unerfahrene Menschen werden in Castingshows teils unwürdig vorgeführt und lächerlich gemacht.
Doch nahezu alle Menschen träumen insgeheim davon, entdeckt zu werden und mit ihrem Lebenslicht in die Welt hineinzuleuchten, statt im Grau des alltags ein Leben lang hocken zu bleiben.
Der humoristische Zeichner Guillermo Mordillo (1932-2019) hat auf einem Poster hundert und mehr graue Köpfe gezeichnet, nur in der Mitte zwischen all den grauen Gesichtern stechen zwei farbig leuchtende Gesichter heraus, die sich gegenseitig anlachen. Zwei Menschen haben sich entdeckt, haben im anderen offensichtlich etwas gefunden, was sie selbst glücklich macht; sie sind – so könnte man interpretieren – vom Geheimnis der Liebe, das uns lebendig macht und unser inneres Licht zum Strahlen bringt, entdeckt worden. Ein anderer Mensch entdeckt mich, sieht meine Begabung, meine Vorzüge, hilft mir mein Talent, das noch verborgen in mir steckt, zu lüften und noch unentwickelte Seiten meiner Persönlichkeit zu entfalten.

Es braucht gar kein Entdeckt-werden auf den großen Starbühnen der Welt; die Entdeckung kann viel bescheidener sein. Ein liebender Blick, ein vertrauensstiftendes Wort von dem ich mich berühren lasse, kann das, was bisher zugedeckt war, aufdecken und mir das Selbstvertrauen schenken, etwas zu wagen, das ich mich zuvor nicht getraut habe. Wer entdeckt wird, merkt, dass sich die Blockaden lösen und eine neue Lebendigkeit den erstarrten grauen Alltag durchströmt.

Im berühmten Gemälde Caravaggios (1571-1610) „Die Berufung des Hl. Matthäus“ geht es auch um eine Entdeckung. Der in einen Raum eintretende Jesus zeigt mit seinem Finger auf eine Gruppe von fünf Männern, die Würfel spielend und nichts ahnend am Tisch sitzen; jeder könnte mit diesem Fingerzeig Jesu gemeint sein und sich fragen: „Was ich?“ Bei mancher Berufung scheint der oder die Betreffende selbst ungläubig zu fragen: „Was ich?“ Und die Antwort heißt: „Ja, du bist gemeint!“ Es gibt keine Chance mehr, sich wegzuducken oder sich hinter Ausreden zu verstecken. (Biblischer Hinweis: Der „entdeckte“ Matthäus gehörte zur verachteten Gruppe der Zöllner, die in Israel als Kollaborateure der verhassten römischen Besatzungsmacht galten. Da wird also einer als Apostel Jesu entdeckt, der für den Außenbetrachter als ganz und gar unwürdig für so eine Aufgabe scheint).
Menschen, die nachdenken und nicht einfach nur dahinleben wollen, stellen sich die Frage: Wozu bin ich da? Was kann ich? Was macht mich lebendig? Was ist meine innere Bestimmung jenseits von außen aufgedrückten Vorstellungen oder von familiären und gesellschaftlichen Vorbahnungen? „Im Leben geht es nicht darum, einen besonderen Namen für uns selbst zu schaffen, sondern darum, den Namen aufzudecken, den wir schon immer hatten.“ (Richard Rohr)
Um die ureigene Berufung zu entdecken, brauchen wir nicht nur Hilfe von außen, sondern müssen uns selbst an einen tieferen Ort begeben, wo wir nicht vom Ego getrieben sind und wo es nicht um Bezahlung, Belohnung, Fortschritt oder Karriere geht; ein Ort, wo wir uns selbst nicht mehr ausweichen können. Dort können wir unser Seelengeschenk ausfindig machen und entdecken.
Krankheiten, Schicksalsschläge, Unfälle, wie sie viele Menschen hier im Haus der Pfennigparade erlebt haben, können solche tiefere Orte sein, an denen eine tiefere Bestimmung unseres Menschseins ausgebrütet wird und sich Talente, Aufgaben und Berufungen zeigen, die vorher nicht entdeckt waren. Ich denke da zum Beispiel an die Künstler*innen in unseren Kunstgruppen, die nach Schicksalsschlägen für sich etwas entdecken konnten, das sie mit Sinn erfüllt und auch andere ermutigt und begeistert.
Und auch Menschen mit schwersten Behinderungen haben ein Seelengeschenk, das es von uns zu entdecken und wahrzunehmen gilt. Henry Nouwen, der sich entschied, seine Karriere als Theologieprofessor aufzugeben und stattdessen in der Arche – einer Gemeinschaft von behinderten und nichtbehinderten Menschen – zu leben und zu arbeiten, erzählt von Adam, einem schwerstbehinderten jungen Mann: „Einer aus meiner Kommunität, Adam, kann nicht sprechen, kann nicht alleine gehen, kann nicht ohne Hilfe essen, kann sich nicht selbst aus- oder anziehen, aber an Menschen, die sich Zeit nehmen, ihn einfach zu halten oder bei ihm zu sitzen, hat er sehr viel Segen zu verschenken…Diese Art beschenkt werden erfließt aus dem einfachen Gegenwärtigsein.“ (Henry Nouwen, Adam und ich. Eine ungewöhnliche Freundschaft, Freiburg/Br. 2011, S. 69).
- Was sind meine Talente und Begabungen? Was macht mich lebendig?
- Welche Talente kann ich jetzt leben? Welche noch heben?
- Was hilft mir dabei, sie zu entfalten und was blockiert mich dabei?