Zum Nachdenken: »Heimat suchen und finden«
„Heimat ist für mich überall dort, wo ein Mensch ist, zu dem ich kommen kann“. (Reiner Kunze)

Nicht immer wurde Heimat so positiv gesehen. Der Heimatbegriff hatte lange einen negativen Beigeschmack von Spießigkeit und Rückwärtsgewandtheit. Heimat- das war Enge, kleinkariertes Denken und selbstzufriedene Spießbürgerlichkeit. Der „Auszug“ war der einzige Weg, um sich weiter zu entwickeln. Diejenigen, welche den Mut hatten aus dem Überkommenen und Vorgeprägten auszuziehen, das waren diejenigen, welche die Welt voranbrachten.
Das Wörterbuch versteht Heimat als „Land oder Gegend, wo man geboren und aufgewachsen ist oder wo man sich zu Hause fühlt, weil man schon lange dort wohnt.“ Tatsächlich verbinden auch heute viele „Heimat“ mit ihrem Geburtsort, mit der geografischen Landschaft ihres Aufwachsens, aber auch mit ihrer Familie und der frühen Sozialisation. Heimat in einem positiven Sinn ist also etwas, das einem vertraut ist, wo man sich auskennt und Zugehörigkeit erlebt.


Auch der in unserer Gesellschaft von vielen geforderte Zwang zur Mobilität und Flexibilität, die Auflösung traditioneller Familienstrukturen, die Schädigung unseres Planeten, der Verlust von Religion (religio, religare –Rückverbindung!) führen dazu, dass das Bedürfnis der Seele nach Verwurzelung, Orientierung und Zugehörigkeit nicht mehr ausreichend gestillt wird. Der „Heimatbedarf“ wächst angesichts der Infragestellungen der eigenen Identität.
Heute müssen viele Menschen aufgrund von Krieg oder Perspektivlosigkeit ihre angestammte Heimat verlassen und machen sich auf oft abenteuerlichen und gefährlichen Wegen auf die Suche nach einer neuen Heimat. Heimat ist verbunden mit der Sehnsucht, an- und aufgenommen und als Menschen mit einer Geschichte wahrgenommen zu werden. Doch Globalisierung, Zuwanderung, die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, scheinen auch in unserem Land nicht wenige zu überfordern. Gerade wer in seiner Seele keine Heimat mehr findet, neigt wohl dazu, durch Ausgrenzung und Fremdenhass sich der eigenen Identität versichern zu wollen.


Der Künstler Ben Willikens (geboren 1939), gibt dieser Abwesenheit von Zugehörigkeit, dieser Anonymität und Verlorenheit des Menschen, den Verlust von Sinn, in seinen Werken mit seiner „unbunten“ Graumalerei und mit den leeren Räumen, in denen kein Mensch vorkommt, Ausdruck. Er selbst sagt dazu: „´Vielleicht ist die Leere nicht nur eine Negation des Menschen, sondern auch eine Frage seiner Ankunft, eine Frage nach dem Menschenbild, das in der Lage ist, dieses weiße Zentrum auszufüllen.`“ (Gertz 187)
Jedenfalls bleibt Heimat immer auch ein Sehnsuchtsort, der aus einem tiefen Bedürfnis des Menschen nach Geborgenheit und Angenommensein erwächst, ein Ort, an dem man sich wiederfinden kann, an dem Geborgenheit, Nähe, menschliche Vertrautheit sich einstellt, an dem der Mensch bei sich ankommen kann. Letztlich geht es jedoch darum eine „offene Heimat“ wiederzufinden, in der Enge und Ausgrenzungstendenzen überwunden werden durch weite Horizonte, in denen angstfreie Begegnungen möglich werden.


Die Sterbeforscherin Monika Renz weist darauf hin, dass „heimfinden“ und „heimgehen“ ein Urthema Sterbender ist. Nahezu alle Menschen scheinen um ein endzeitliches Heimfinden zu wissen, wo alle Existenzangst, alle Lebenskämpfe und Verlorenheit endet.
Aus christlicher Perspektive geschieht eine letztgültige Erfüllung dieser Sehnsucht im Himmel, der wahren Heimat, allerdings wird auch dort versprochen, dass es im Hause des Vaters viele Wohnungen gibt, also eine offene und lichtdurchflutete Wohngemeinschaft unterschiedlichster Menschen.(vgl. Joh 14,1-3)
Wem eine solche Heimat zugesagt ist, der ist registriert und in seiner Identität ausgewiesen. Wie es ihm geht und wo er ist, ist nicht mehr gleichgültig. Wenn er fernbleibt oder verschollen ist, wird nach ihm gesucht (vgl. Gleichnis vom verlorenen Schaf, Lukas 15, 4-7) und er wird erwartet mit offenen Armen. (vgl. das Gleichnis vom barmherzigen Vater, Lukas 15,11-32)

Impulse zum Nachdenken:
- Was bedeutet für mich Heimat?
- Wohin zieht es mich? (landschaftlich, geografisch…)
- Welche Menschen sind für mich Heimat?
- Welche Musik/Lieder sind für mich Heimat?
- Gibt es einen Glauben, Überzeugungen, Werte, die für mich Heimat sind?
Literatur zur Vertiefung:
- Kurt-Peter Gertz: Ostern in der modernen Kunst, Mönchengladbach 2017,
- Monika Renz: Der Mensch – ein Wesen der Sehnsucht, Connected or Disconnected, Paderborn 2010
- Hartmut Rosa: Resonanz – eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016
- Heribert Prantl: Kindheit, Erste Heimat – Gedanken, die die Angst vertreiben, SZ 2015
Filme:
- Edgar Reitz, „Heimat“ (Gesamtedition) und „Die andere Heimat“