Zum Nachdenken: Pfingsten
Wer hat nicht noch die Fernsehbilder im Kopf, wo der russische Präsident Putin und die Staatschefs der westlichen Welt durch einen schier endlos langen weißen Tisch voneinander getrennt sich gegenübersitzen. Kein Funke der Verständigung scheint überzuspringen, es gibt kein wirkliches Aufeinander zu in den Gesprächen, die Kommunikation ist blockiert und die Positionen verhärtet.
Dieses Bild vom langen weißen Tisch des Unverständnisses ist ein eindrückliches Gegenbild zu dem, was das Pfingstfest zum Ausdruck bringen möchte. In der Apostelgeschichte erzählt der Evangelist Lukas von einem Sprachwunder (vgl. Apg. 2,1f.) Mit Hilfe von Gottes Geist geschieht das Wunder, dass wildfremde Menschen unterschiedlicher Völker und Nationen sich verstehen, gerade so, als würden die anderen in ihrer Muttersprache reden; „Muttersprache“- das ist die vertraute Sprache, die vom Herzen kommt und zu Herzen geht. Muttersprache ist die Sprache, die das Herz erwärmt und die uns an einen Anfang erinnert, in dem noch alles voller Verheißungen war. Menschen, die von diesem guten Geist entflammt sind (daher das Bild mit den „Feuerzungen“) sprechen eine Sprache, die Trennendes an Religion, Kultur, Charakter oder politischen Positionen überwindet. Der Funke springt über, Begeisterung flammt auf, so dass unterschiedlichste Menschen zusammenkommen. Der gute Geist lockt Menschen heraus aus ihren Verkapselungen und aus dem Gefängnis ihrer Vorurteile, löst Erstarrungen, lässt geschehen, was nicht machbar ist, sondern der Inspiration bedarf. Die Sprachverwirrung Babels (Babel=Wirrsal; Genesis 11,9), wo keiner mehr den anderen versteht, wird von Gottes Geist durchdrungen und geklärt.
Wie oft erleben wir solche Sprachverwirrung im zwischenmenschlichen Bereich: keiner hört mehr richtig zu, man will den anderen gar nicht verstehen, jede und jeder versucht seine eigenen Interessen durchzusetzen und dies in einer kalten und herrschsüchtigen Sprache.
Neben dem Bild des Feuers gehört zu Pfingsten auch das Bild des Windes in Gestalt eines Sturmes. Pfingsten -das ist modern gesagt-, auch das Fest der „frischen Luft“ (das lateinische Wort „spiritus“ meint sowohl Geist wie Atem, der uns begleitet vom Anfang bis zum Ende unseres Lebens), die unsere Lungenflügel durchströmt, damit wir weit werden und nicht ersticken in der Enge unserer Vorstellungen, Vorurteile und festgefahrenen Meinungen; wir brauchen diese frische Luft, damit sich der Horizont weitet und neue Lebenskraft in unsere Seele kommt.
Wie sehr uns dieser belebende Geist oft genug fehlt, merken wir nicht nur in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern auch in Politik, Gesellschaft und Kirche, wenn Menschen ausgeschlossen und nicht gehört werden, wenn sich Feindbilder in unserem Denken festsetzen und jede und jeder meint, das Recht und die Wahrheit auf seiner Seite zu haben.
Die Bitte um den heiligen Geist, den wir in unserer aktuellen Weltsituation so dringend brauchen, hat kaum einer dringlicher und schöner ausgedrückt als Stephan Langton, Erzbischof von Canterbury, die er um das Jahr 1200 in seiner Pfingstsequenz „Veni sancte spiritus“ verfasste und deren Anfangsvers lautet: „Komm herab, o Heil’ger Geist, der die finstre Nacht zerreißt, strahle Licht in diese Welt.“
(der vollständige Text unter: Komm, Heiliger Geist – Veni, Sancte Spiritus, Pfingstsequenz (rhoener-gebetsschatz.de)
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