Zum Nachdenken: Regen bringt Segen

„Regen bringt Segen.“
– „Naja“, möchte man reagieren, „angesichts der vergangenen Regenwochen inklusive abgesagter Sommerfeste und entfallener Vergnügen wäre etwas weniger Segen auch ok gewesen.“
„Regen bringt Segen“: dieser Ausspruch stammt aus dem biblischen Israel. Die Menschen lebten damit, dass von Mai bis Oktober kein Regen fällt und die wenigen Flüsse die Wasserversorgung nicht sichern können. Die Ernte und somit das Überleben waren abhängig vom Regen. Gläubige Juden haben sich auf den Regen verlassen, was für sie gleichbedeutend war mit „sich auf Gott verlassen“. Der Blick zum Himmel nach Regenwolken war zugleich ein Aufblicken zu Gott – dem unsichtbaren und unerforschlichen, der das Universum und alles, was in ihm ist, erhält.
Gott schenkt Regen (bzw. in der heißen Jahreszeit den Morgentau) und damit Nahrung und Leben. Das ist der Segen Gottes. Darum bitten die Menschen und dafür danken sie.
Das hebräische Wort für segnen, barach, bringt diese Erfahrung zum Ausdruck, denn es bedeutet „jemanden mit heilschaffender, wohltuender Kraft begaben“.
In der Bibel, dem Buch der Geschichte Gottes mit den Menschen, ist der Segen das Erste, das Gott den Menschen nach der Erschaffung schenkt:

„26 Dann sprach Gott: Lasst uns den Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich! Sie sollen walten über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die auf der Erde kriechen. 27 Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie. 28 Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie und waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen! … 31 Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut. Es wurde Abend und es wurde Morgen: der sechste Tag.“ (Genesis 1,26f.31)
Segen ist ein Geschenk – unabhängig von Leistung, Herkunft, Stand und Alter. Auch unabhängig von Geschlecht, denn „männlich und weiblich erschuf er sie“. Für die patriarchal geprägte Welt des Alten Testaments eine ungeheure Aussage: Gottes Segen gilt ausdrücklich allen Geschlechtern und all denen, die sich zwischen diesen Polen bewegen! Wie bei einem Fest für Jung und Alt. Da fühlen sich selbstverständlich auch die eingeladen, deren Alter irgendwo dazwischen liegt. Ebenso ist im Schöpfungsbericht die Erschaffung von „Licht und Finsternis“ sowie von „Trockenem und Meer“ zu verstehen. Wenn Gott zwei Begriffspole erschaffen hat, dann auch das, was dazwischen erscheint: die Dämmerung, das Abend- und Morgenrot genauso wie die Sümpfe oder das Watt.Gott segnet seine Schöpfung. Alles ist grundsätzlich gut und alles hat seine Würde, die es zu achten und schützen gilt. Der Segen lässt keinen Platz für Ausgrenzung oder Abwertung. Gottes Segen befähigt die Menschen, diese wohltuende und heilsbringende Kraft weiterzugeben, selbst zum Segen zu werden.
In unserer Alltagssprache kommt Segen bzw. segnen häufig vor. Wir singen zum Geburtstag „Viel Glück und viel Segen…“; manchmal bezeichnen wir andere als Segen, z. B. für die Atmosphäre am Arbeitsplatz; wir wünschen vor dem Essen „(gesegnete) Mahlzeit“ und jetzt, zum Start in die Ferien- und Urlaubszeit erbitten viele den Reisesegen.
Sind das Zauberformeln, zur Beschwörung, damit alles gut ausgeht, d. h. so, wie wir es uns wünschen? Was ist, wenn es im Leben anders kommt, wenn das neue Lebensjahr überwiegend Kummer bringt, der Urlaub verregnet ist oder gar mit einem Unfall endet?
In christlich-jüdischer Tradition bedeutet Segen die Rückbindung an eine höhere Macht. Wer um Segen bittet oder ihn anderen wünscht, der macht (sich) bewusst, dass wir unser Leben und Wohlergehen nicht uns selbst zu verdanken haben. Wer segnet oder Segen empfängt, vertraut der Fürsorge und Kraft dieser Macht – erst recht in schweren Zeiten und Krisen, die in keinem Leben ausbleiben.
„Regen bringt Segen“
– vielleicht gibt der Satz Anstoß zu einer Überprüfung der „inneren Wetterlage“:
Womit weiß ich mich gesegnet?
Wofür bin ich dankbar?
Wo und wie teile ich diese wohltuende Kraft?

Wegsegen
Mögest Du auf dem Weg sein
mit Licht in den Augen und der Seele,
mit Rhythmus im Blut und in den Füßen,
mit einem Gesang auf der Zunge und im Herzen,
mit einem Gruß auf den Lippen und in den Ohren,
mit einem Segen im Geist und im Bauch.
(nach Gernot Candolini)

In schwierigen Zeiten
In Zeiten des Argwohns:
Segne uns mit Vertrauen.
In Zeiten der Verzagtheit:
Segne uns mit Mut.
In Zeiten des Irrwahns:
Segne uns mit Vernunft.
In Zeiten der Hektik:
Segne uns mit Gelassenheit.
Und segne uns mit der Gewissheit
selbst in Zeiten des Fluchs
dennoch gesegnet zu sein.
(Wolfgang Dietrich)