Zum Nachdenken: »Über die Dankbarkeit«
Im letzten Beitrag zum Nachdenken habe ich über das Glück geschrieben. Der bekannte Benediktinermönch
Bruder David Steindl-Rast, für den Dankbarkeit die Grundlage einer spirituellen Haltung und ein Lebensprinzip ist, sagt:
„Ich bin nicht dankbar, weil ich glücklich bin, sondern ich bin glücklich, weil ich dankbar bin.“ Wer dankbar auf sein Leben schauen kann, empfindet im Herzen Frieden und Glück.
Auch viele Philosophen haben sich direkt oder indirekt mit der Dankbarkeit beschäftigt.


Für Cicero, einen Vertreter der Stoa (eine philosophische Denkrichtung), ist die Dankbarkeit die Voraussetzung für eine stimmige Gemeinschaft und das Zusammenklingen der Herzen (lat. concordia).
Und für Seneca, ebenfalls ein Stoiker, ist die Undankbarkeit die Wurzel aller Übel und Verfehlungen. Anselm Grün weist darauf hin, dass das Wort danken mit Denken zu tun hat und er glaubt, dass eine dankbare Haltung mit dem richtigen Denken zusammenhängt.
Eine dankbare Gesinnung entsteht dann, wenn ich richtig über mein Leben denke und das Wertvolle meines Lebens in den Blick nehme.
Aber natürlich ist einem nicht immer nach danken zumute, wenn uns das Leben etwas zumutet, was wir uns nicht herbeigewünscht haben, wenn etwas Bedrückendes und Trauriges unseren Lebenslauf aus der Bahn wirft oder die Weltlage mit Krieg und Krisen uns bedrückt.
Aber gerade dann, so rät Albert Schweitzer, sei es wichtig, Ausschau zu halten nach etwas, wofür wir dankbar sein können: nach einem freundlichen Menschen, der uns tröstet, oder im Schauen auf die Schönheit und Kraft der Natur, die sich nicht unterkriegen lässt.


Auch ein überzogenes Anspruchsdenken, wie es heute vielfach in unserer Gesellschaft vorherrscht, verhindert Dankbarkeit, denn statt dankbar zu sein, glaube ich dann, ich hätte ja sowieso nur bekommen, was mir zusteht und worauf ich Anspruch habe.
Zudem haben die Werte Autonomie und Unabhängigkeit heute einen so hohen Stellenwert, dass wir uns lieber alles selber erarbeiten wollen, um uns ja nichts schenken lassen zu müssen, wofür wir dankbar sein müssten.
Ein mechanisches und bloß angelerntes Danke sagen widerspricht echter Dankbarkeit aus dem Herzen. Manchmal werden Kinder auf eine Höflichkeitsformel wie „Sag jetzt schön danke!“ getrimmt und das Kind gehorcht, sagt Danke, auch für etwas, das es gar nicht will. Echte Dankbarkeit ereignet sich jedoch immer im Raum der Freiheit, der Wahrhaftigkeit und des empfindenden Herzens.


Auch für Menschen, die ein schweres und hartes Leben haben, in dem ihnen nichts geschenkt wird und deren ganzes Leben unter dem Zwang eines unbarmherzigen Überlebenskampfes steht, wird sich das Gefühl von Dankbarkeit schwer entwickeln können.
Solchen Menschen das Leben etwas leichter zu machen, ihnen etwas vom eigenen Reichtum zu schenken, ist auch eine Form der Dankbarkeit für das eigene Leben, die sich im Handeln ausdrückt.
In langjährigen Partnerschaften kann die Dankbarkeit füreinander verdunsten. Schlechte Gewöhnung, aber auch Kränkungen und angehäufte Verletzungen, die im Laufe des Lebens entstanden sind, können sich so über das Wertvolle und Gute anlagern, dass auch die Dankbarkeit darunter verschüttet wird. Um die Dankbarkeit für das gemeinsame Leben wieder zu finden, braucht es daher oft als ersten Schritt einander zu vergeben, aber danach auch einander zu danken (und zwar ganz konkret zu sagen, wofür ich dem anderen dankbar bin).


Auch am Arbeitsplatz reicht das Tauschgeschäft zwischen Leistung und materieller Belohnung nicht aus, denn ohne Wertschätzung und Anerkennung -welches letztlich nur andere Worte für Dankbarkeit sind- wird der Arbeitnehmende nicht gern und mit Lust zur Arbeit gehen und womöglich sogar (wie Studien zeigen) Stress und psychosomatische Reaktionen entwickeln.
Daher ist es wichtig, auch am Arbeitsplatz einander wertschätzend zu begegnen, wobei Wertschätzung und ehrliche Anerkennung auch ein Gewinn für den Schenkenden sind.
Als Seelsorger freue ich mich zum Beispiel, wenn jemand nach einer Trauerfeier zu mir kommt und sich für die schöne Gestaltung bedankt oder ich danke Gott, wenn ich sehe, wie Menschen berührt und andächtig sind und eine Tiefe erreicht ist, die nicht mein Verdienst ist.
Bruder David Steindl-Rast sagt: „Wir sind vom Frieden unseres Herzens nie weiter als einen einzigen Gedanken der Dankbarkeit entfernt“. Und er leitet in seinem Praxisbuch „Dankbar leben“ mit Meditationen und Übungen an, die Dankbarkeit als Lebenshaltung einzuüben.

Literatur zur Vertiefung:
- Basierend auf den Grundlagen von David Steindl-Rast, Dankbar leben, ein inspirierendes Praxisbuch;
- Anselm Grün, Vom Glück der kleinen Dinge, Vier Türme Verlag.