Zum Nachdenken: Über die Liebe

Liebe – ist das nicht ein altmodisches, abgegriffenes Wort für seichte Liebesromane, TV- Serien oder sentimentale Schlager? Mag sein, und dennoch benennt es die zentrale und lebensentscheidende Erfahrung unseres Lebens. Kein Mensch wäre geboren und würde auf Dauer leben können, würde nicht zumindest ein Funke Liebe in sein Leben hineinstrahlen. Das Wort Liebe weckt viele Assoziationen: Vertrautheit, Intimität, Leidenschaft, Sinnlichkeit, Wertschätzung, Zuneigung, Nähe, Verbundenheit oder Respekt. Wir kennen die körperliche Liebe, die freundschaftliche Liebe, die Elternliebe, die selbstlose Liebe, die Liebe zu den Kindern, die Liebe zur Natur oder zu Gott… Ein Charakteristikum von Liebe, die für alle ihre Formen zutrifft- für die leidenschaftliche Anziehung ebenso wie für die Liebe unter Geschwistern, besteht darin: ich habe ein Bewusstsein des Zusammengehörens und ich nehme dieses Zusammengehören von ganzem Herzen an. Liebe ist ein Ja aus ganzem Herzen zum Zusammengehören, ein Ja, das letztlich sogar unsere Feinde einschließt. Die ganze Erde sitzt im selben Boot. (vgl. David Steind- Rast, Fülle und Nichts)

Zwei Hände berühren sich an einem Baumstamm
Frau mit traurigem Blick

Doch viele Menschen tun sich schwer mit der Selbstliebe und haben gar keine richtige Beziehung zu sich selbst; sie fühlen sich ungeliebt, einsam, unansehnlich und nicht gebraucht; bestenfalls unter Bedingungen geliebt und angenommen: solange ich funktioniere, meine Rolle spiele, nicht auffalle, die geforderte Leistung bringe. Sie stehen und Fallen mit der Aufmerksamkeit durch andere, wodurch sie leicht manipulierbar sind. Hinzu kommt, dass viele Menschen sich selbst abwerten und kleinmachen, sich von Vorstellungen leiten lassen wie „Ich bin ein Versager“, „Mit mir stimmt etwas nicht“, „Ich mache alles falsch“…

Sie hassen sich selbst, weil sie Illusionen und überhöhte Selbstbilder von sich haben, die nicht ihrem eigenen Wesen entsprechen. Manche verfallen dadurch in Selbstmitleid, und werden unfähig, sich selbst und die Herausforderungen ihres Lebens anzunehmen oder sie stehen ständig unter Druck, sich beweisen zu müssen und ihre Lebensberechtigung zu verdienen. Die Selbstliebe wurde zudem eine lange Zeit als Selbstsucht, Egoismus und etwas Negatives angesehen, das es zu überwinden gilt. Auch im Namen Gottes wurde Selbstverleugnung und pure Selbstlosigkeit gefordert. Doch um sich selbst hinzugeben, muss ich erst einmal ein Selbst haben und dieses bejahen.

In Wahrheit ist eine gesunde Selbstliebe, die nicht mit einem rücksichtslosen Egoismus zu verwechseln ist, der nur sich selbst im Blick hat, die Voraussetzung für die Nächstenliebe und Empathie mit anderen.  Wer sich selbst nicht wertschätzt, kann auch niemanden anderen wirklich lieben. „Hast du dich selbst lieb, so hast du alle Menschen lieb wie dich selbst“, sagt der christliche Mystiker Meister Eckhart. Wer sich selbst für wertvoll erachtet, lässt die in ihm steckenden Möglichkeiten und Talente nicht brachliegen und freut sich, damit auch andere bereichern zu können. (ein paar gute Tipps zur Selbstliebe fand ich unter: Selbstliebe und Selbstakzeptanz: die besten Tipps (aok.de))

Schloss mit Herz hängt an Zaun
Zwei Personen umarmen sich im Wald

Die Sehnsucht nach Liebe und der Wunsch, bedingungslos geliebt zu werden, steckt wohl in uns allen; doch sie kann kein anderer Mensch vollständig erfüllen. Ehen und Partnerschaften scheitern nicht selten daran, dass ein Zuviel an Liebe vom anderen verlangt wird: absolute Geborgenheit, Sicherheit und Erfüllung unserer innersten Wünsche. Der andere Mensch kann aber immer nur einen begrenzten Teil unserer Sehnsucht erfüllen. Kein anderer Mensch kann auch das Defizit an erfahrener Liebe vollständig auffüllen und verweist uns auf die Quelle der Liebe.

Das Unerfüllte meiner Sehnsucht verweist mich auf Gott, der nach biblischer Auskunft die Quelle der Liebe ist, die in unserer Seele sprudelt; nicht umsonst heißt es in der Bibel, dass Gott uns zuerst geliebt hat, eine ewige, haltgebende und unverbrüchliche Liebe, die wir in der Erfahrung menschlicher Liebe erahnen können. Seine Liebe geht unserer Liebe voran. Der islamische Mystiker Rumi sagt sehr schön: „Liebe, wenn ich nach Dir Ausschau halte, merke ich, dass du mich suchst… “Wie stark Gottesliebe und Selbstliebe zusammenhängen, sagt uns das folgende Zitat. „Ob ich Gott liebe – das ist eine Frage. Ob ich mich liebe – das ist auch eine Frage. Wie kann jemand die eine Frage bejahen, wenn er die andere verneint? Nein! Ich liebe Gott nur, wenn ich mich liebe…“  (Meinrad Dufner, in: Grün, Müller, Was macht Menschen krank, was macht sie gesund, S.43) Mein Glaube, ist nicht die Bedingung, dass Gott mich liebt, sondern die Auskunft und Antwort von meiner Seite, dass ich mich ganz und bedingungslos geliebt fühle.

Mehrere leuchtende Teelichter stehen auf Tisch
Herz aus brennenden Teelichtern am Boden

Liebe ist jedenfalls das Grundelixier des Lebens. Wer sich geliebt weiß, kann sich vertrauensvoll dem großen Strom des Lebens öffnen. Wer sich geliebt fühlt, wer das Glück hatte, in einem Nest von Liebe und Sicherheit aufzuwachsen, der kann sich verwurzeln in der Welt, in seinem Leib, der weiß sich verbunden mit anderen. Lieben- das heißt eintauchen in den großen Strom des Lebens, des Erbarmens und der schöpferischen Freude. Lieben hat viel zu tun mit Strömen und weiterströmen lassen, was ich umsonst empfangen habe. Ich darf die Bremsen lösen, mein Nein aufgeben und „Ja-sagen“ zum mir geschenkten Leben. Liebe zu erfahren, ist ein Heilmittel. Die Erfahrung: da ist jemand an meiner Seite, ich bin nicht allein, jemand interessiert sich für mich, jemand ist von meinem Schicksal angerührt, jemand hält zu mir, schaut mich an, gibt mir An-sehen, ist heilsam. Liebe nimmt den Druck, nimmt den Problemen und Sorgen des Lebens das Gewicht, lässt bestehen in einer manchmal absurden und leidgeprüften Welt.

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