Zum Nachdenken: Vom Sinn der Leere

Ich mag den Herbst und beobachte gern die Geschehnisse in der Natur. Jetzt im Herbst fallen die Blätter von den Bäumen; es scheint, als würden sie sich leer machen, um im Frühjahr wieder mit erneuerter Kraft, Blüte und Frucht auszutreiben. Das Entleeren und die Leere scheint für das Leben und das Wachsen notwendig zu sein; die Natur scheint in gewissen Zeiten eine Vorliebe für die Leere zu haben. Leere und Fülle brauchen wohl einander.

Wir Menschen, obwohl ein Teil der Natur, meiden jedoch die Leere, was sich an vielen Beispielen festmachen lässt: Schon am Morgen dudelt irgendeine Musik beim Frühstück, wir hören Nachrichten oder lesen Zeitungen, die im Moment ja voll sind mit negativen und ängstigenden Meldungen. Beim Blick in den Terminkalender ist kaum noch eine Spalte frei für freie Planung, beim Weg zur Arbeit erleben wir oft vollgestopfte Straßen. Junge Leute sind mit dem Stöpsel im Ohr zu Dauerhörern von Musik geworden und nicht selten kompensieren wir den Frust oder den Ärger im Alltag damit, dass wir Süßigkeiten in uns hineinstopfen oder uns mit Alkohol oder Fernsehkonsum am Abend betäuben. Das Internet füllt uns mit einer Unzahl von Meldungen und Informationen ab, die wir gar nicht mehr verdauen können.  

Ach, wie gut würde uns doch zuweilen die Leere tun und die Natur könnte uns dabei ein Lehrmeister sein, gerade in dieser Jahreszeit. Kleine Rituale, mit denen wir die Leere pflegen, könnten uns helfen: Mir zum Beispiel tut es immer gut, wenn ich vor einem Urlaub oder zwischendurch mein Mailpostfach leere, oder wenn ich beim Frühstück oder Kochen mal ganz auf Radio und Begleitmusik verzichte. Auch das mit Ordnern, Büchern und allen möglichen Zetteln zugestopfte Büro zu „entmüllen“ kann heilsam für die Seele sein. Manche versuchen in der Meditation leer zu werden und alle Gedanken loszulassen. Die Natur selbst kann uns helfen, das Wohltuende der Leere zu entdecken: Ein Blick auf das schier endlos weite Meer oder in den dunklen Sternenhimmel oder gar eine Wüstenerfahrung schafft Platz und weitet die Seele. Aber auch wer in große Kirch- oder Sakralbauten mit hohen Gewölben geht, merkt, dass der leere Raum Rückwirkungen auf das Innere hat.

Wenn ich all das weglasse, was mich ablenkt und mich von außen zustopft, werde ich auch mit mir selbst intensiver konfrontiert mit dem, was ich bin: Nackt ohne den Schutz, konfrontiert mit meinem einmaligen und unverwechselbaren Sein. Dann tauchen womöglich die wichtigen Fragen des Lebens auf: Wer bin ich? Warum bin ich hier auf dieser Welt? Wie war mein Leben bisher? Was ist der Sinn meines Lebens? Wie möchte ich meine Zukunft gestalten?……   

Übrigens hat die moderne Physik, die das Innerste der Materie erforscht, herausgefunden, dass alle Materie, auch wir, zu mehr als 99,999.. Prozent aus leerem Raum besteht (die Atome, aus denen die Welt, auch wir Menschen bestehen, sind zwischen Atomkern und den diesen Kern umkreisenden Elektronen vor allem leer). Würde man experimentell die Leere aus unseren Körpern entfernen, würde die ganze Menschheit auf ein Stück Würfelzucker zusammenschrumpfen und die Erde würde sich auf die Größe eines Fußballs verkleinern. „Diese Leere ist aber keineswegs das pure Nichts. Sie wird von Energie durchströmt und enthält Teilchen, die ohne erkennbare Ursache entstehen und blitzschnell wieder zerfallen.“ (vgl. Lorenz Marti, Eine Handvoll Sternenstaub, Was das Universum über das Glück des Daseins erzählt, S. 114, Freiburg im Br. 2012; das sehr empfehlenswerte Buch dieses inzwischen verstorbenen Autors hat mich zu diesem Impuls inspiriert)

In der Leere steckt also eine Menge kreatives Potential und wir brauchen Raum schaffende Leere, um uns zu entdecken und die Fülle des Lebens zu erfahren. Die Einsicht der Mystiker, dass weniger mehr sein kann, bringt uns die Natur gerade in diesen herbstlichen Tagen sehr nahe.

Impuls: