Zum Nachdenken: Wandlung und Identität
Vor ein paar Tagen besuchte ich die Künstler*innen der groupe smirage in ihren Ateliers; viele arbeiten schon sehr lange dort. Beim Herumgehen, fiel mir ein Bild mit Fotografien der Künstler*innen aus dem Jahre 1995 in die Augen. Beim Betrachten der Fotos, kam ich ins Staunen: „Ach das ist ja der…, gibt es das, den hätte ich jetzt nicht mehr erkannt, … ist das wirklich die…, jetzt erkenne ich sie erst? Das Bild von damals und das heutige Erscheinungsbild ähneln sich kaum mehr oder haben gar keine Ähnlichkeit mehr. So geht es mir auch bei Klassentreffen, bei denen ich viele nicht mehr auf Anhieb wiedererkenne und auch nicht wiedererkannt werde.
Die moderne Zellforschung zeigt, dass sich der Körper ständig regeneriert, wenn alte Zellen absterben, wachsen fast alle Körperzellen nach, jedoch erneuern sich manche komplett in kurzer Zeit, andere regenerieren sich geringfügig über mehrere Jahre hinweg. Das Leben wandelt sich, wir Menschen verändern und entwickeln uns, zunächst einmal in Bezug auf das körperliche Wachstum und Erscheinungsbild, das durch einen genetischen Code gesteuert wird.

Neben den körperlichen Entwicklungsprozessen gibt es auch die Entwicklung und Wandlung der Persönlichkeit. Wer als Erwachsener auf der Stufe eines Jugendlichen hängenbleibt, wirkt kindisch. Manchmal liegen auch krankhafte Blockaden vor, welche eine Weiterentwicklung stagnieren lassen und die Person auf einer nicht mehr adäquaten Stufe festhalten.
Manche Menschen haben auch panische Angst vor Veränderung und klammern sich an eigentlich längst Überlebtem; nostalgische Vorstellungen von Welt und Beziehungen sind ihnen lieber, als die Aufregung und das Risiko, sich auf Neues einzulassen. Manche verändern nichts in ihrer Wohnung, alles soll beim Alten bleiben, kein neues Bild wird aufgehängt und die alten Gegenstände machen die Wohnung oder das Haus zu einem leblosen Museum. Der Halt, der auch in immer gleichbleibenden Ideen und Ansichten gefunden wird, überwiegt das menschliche Bedürfnis, sich weiter zu entfalten und sich auf was Neues einzulassen. Dadurch wird der Lebensfluss gestaut und das Leben erstarrt und stagniert.
Doch – so könnten wir fragen-, wenn alles im Fluss ist und die Wandlungsfähigkeit zum Leben gehört, die inneren Entwicklungen einbezogen, was garantiert dann noch unsere Identität. Ist der, den ich auf dem Kinderfoto sehe, derselbe, der ich jetzt mit 50, 60 oder 70 Jahre bin? Zudem gibt es Entscheidungen und Handlungen, durch welche ich nicht mehr derselbe bin, der ich einmal war. Manche sagen: ich erkenne mich selbst nicht wieder. Oder ich entdecke Talente und Begabungen, ungeahnte Fähigkeiten, die mit vorher verborgen waren, und die mich in meinem Selbst und Selbstwert völlig neu erleben lassen.

Jedenfalls genügt der genetische Code nicht, um die Identität einer Person zu bestimmen. Für die menschliche Entwicklung ist zunächst die Beziehung zu anderen Menschen zentral; besonders Kinder brauchen Lob, Feedback, Anerkennung, Wertschätzung, …, um zu sich zu kommen und sich in ihrer Einmaligkeit zu entdecken. Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber sagt, dass der Mensch am Du zum Ich wird. (vgl. Andreas Knapp, Vom Segen der Zerbrechlichkeit, Grundworte der Eucharistie, dem ich viele Inspirationen für diesen Text verdanke).

In der wunderbaren Erzählung “Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende kommt der Protagonist Bastian Balthasar Bux am Ende seiner langen Reise durch die Zauberwelt Phantasien in das „Änderhaus“, das nicht nur sich selbst ständig wandelt, sondern auch den, der in ihm wohnt. Dort entdeckt Bastian eine Sehnsucht, die er bisher noch nicht so gekannt hatte: „…die Sehnsucht lieben zu können.“
Bei allen Wandlungen, die wir im Laufe des Lebens durchmachen, scheint die Sehnsucht nach Liebe -nach geliebt werden und selber lieben können- der bleibende Bezugspunkt, der unsere Identität, die eine offene Identität ist, garantiert. So als würde unser ganzes Leben vom Kind bis zum alten Menschen, von dieser Sehnsucht geleitet werden; eine Sehnsucht, die einen Wandlungsweg in uns entfacht, der wohl nie gänzlich ans Ziel kommt und unterschiedliche Tiefen kennt.
Für den glaubenden Menschen ist es die Liebe Gottes, der uns anspricht („Ich habe Dich bei deinem Namen gerufen…“), und unsere Identität auch über den Tod hinaus garantiert. Kein genetisches Programm, sondern Gottes Treue und Kreativität auf unserem Lebensweg, garantiert Halt und Identität bei allen Wandlungen. Doch jetzt ist das, „…was wir sein werden (ist) noch nicht offenbar geworden“ (1Joh 3,2)

Erst dort, wo wir ganz in die Liebe Gottes eingetaucht sind, Ebenbilder seiner Liebe geworden sind und heimgefunden haben zu dem, der uns innerlicher ist als wir selbst es uns sind (Augustinus), haben wir unsere tiefste Identität und unseren wahren Namen, der uns noch verborgen ist, gefunden. Unser ganzes Leben scheint eine Entfaltung dieses uns noch verborgenen Namens zu sein.
Impuls:
- An was (Gegenständen, Ideen, Überzeugungen…) halte ich fest, was im Grunde schon längst überlebt und überflüssig ist?
- Wie könnte wohl unser noch verborgener Name lauten und was können wir dazu beitragen, dass er zum Leuchten kommt?
- Spüre ich, dass aktuell eine Wandlung ansteht und in welche Richtung will sie mich bewegen?
Gustav Schädlich-Buter